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Leseprobe: "Auftakt" von Reinhard Gramm, PCM 2/10 Seite 2
Momentan findet in München der 2. Ökumenische Kirchentag statt. Nach dem erfolgreichen ersten in Berlin wird dieser Kirchentag eher kritisch beäugt. Die Diskussion um die Missbrauchsfälle wird in München sicherlich im Vordergrund stehen. So erscheint das Motto „Damit ihr Hoffnung habt“ vielen Menschen als Hohn. In der Öffentlichkeit steht die katholische Kirche eher hölzern im Umgang mit den Missbrauchsvorwürfen da. Manche Kirchenfürsten sollten besser die Verantwortung übernehmen, statt Vorfälle zu leugnen oder zu ignorieren – Frau Käßmann hat gezeigt wie es geht.
Dennoch, trotz der vielen Unterschiede gibt es zwischen Katholiken und Protestanten auch große Schnittmengen. In beiden Kirchen treten viele Menschen aus, die im Grunde nur nach einem Vorwand für ihren Austritt gesucht haben. Wenn jemand öffentlich verkündet, dass er nur wegen des schnellen Rücktritts von Frau Käßmann nicht aus der Kirche ausgetreten ist, so frage ich mich, ob derjenige überhaupt die von ihm sogenannten „Machenschaften der Kirche“ verstanden hat.
Wir leben in einer säkularen Welt. „Die Kirche“ wird nur definiert über ihre öffentlichen Auftritte oder Skandale. Viele wissen nicht, dass neben den wenigen Menschen, die öffentlich für „die Kirche“ stehen, sehr viele Menschen für diese Kirchen arbeiten. Sie sind abhängiger von den Kirchensteuermitteln als die öffentlichen Repräsentanten. Kirche wird an hohen moralischen Maßstäben gemessen. 5 % öffentlicher Präsentation schadet 95 % der nicht öffentlichen Arbeit. So gehen durch Austritte Kirchensteuermittel verloren, die in vielen Einrichtungen der großen Kirchen dringend gebraucht werden. Leidtragende sind dann die teilweise unter dem Mindestlohn bezahlten Arbeitnehmer/innen. In allen Arbeitsbereichen der großen Kirchen werden Mittel gestrichen und die Arbeit auf immer weniger Schultern verteilt. Nach außen verkünden die Ausgetretenen, dass sie nun mehr Geld in ihrem eigenen Portemonnaie hätten und werden wieder sauer, wenn sie dieses Mehrgeld dann für teure Pflege ausgeben müssen. Viele caritative oder diakonische Einrichtungen müssen immer häufiger auf Zuschüsse ihrer Landeskirchen verzichten und sich selbst tragen. So wird Pflege teuer und ist dennoch für die Mitarbeiter/innen kein gutes Geschäft.
Missbrauchsopfer brauchen ihr Leben lang Pflege und eine gute psychologische Betreuung. Allein deshalb sollte niemand aus der Kirche austreten, sondern in seinem Umfeld aufmerksam die kirchlichen Repräsentanten beobachten und dafür Sorge tragen, dass die kirchliche Arbeit gedeiht. Man darf nicht davor zurückschrecken, unbequeme Fragen zu stellen. Jeder noch so kleine Schaden wirkt sich – ganz besonders im kirchlichen Bereich – in der Öffentlichkeit sehr negativ aus. Lasst uns den kritischen Menschen zeigen, dass Kirche eine gute Sache ist, die Gutes fördert und versucht, Böses nicht zuzulassen. So habe ich Hoffnung mit diesem ökumenischen Kirchentag in München und freue mich auf viele, die noch folgen mögen.
Reinhard Gramm
