Lied - Predigt "Du meine Seele singe / klinge"
EG 302 Du meine Seele singe, Choralpartita
von Propst Klaus-Volker Schütz
Vorspiel
1. Strophe
Du meine Seele, singe,
wohlauf und singe schön
dem, welchem alle Dinge
zu Dienst und Willen stehn.
Ich will den Herren droben
hier preisen auf der Erd;
ich will ihn herzlich loben,
so lang ich leben werd.
2. Strophe
Wohl dem, der einzig schauet
nach Jakobs Gott und Heil!
Wer dem sich anvertrauet,
der hat das beste Teil,
das höchste Gut erlesen,
den schönsten Schatz geliebt;
sein Herz und ganzes Wesen
bleibt ewig unbetrübt.
Gnade sei mit Euch und Friede von Gott,
unserem Vater, und unserem Herrn Jesus Christus!
1
Du meine Seele, singe, wohlauf und singe schön ...
Kann die Seele singen?
Natürlich kann die Seele nicht singen
so wie ein eigenständiges Wesen singen kann.
Das 20. Jahrhundert
hat viel über die Seele
herausgefunden und erforscht,
dass die Seele zu singen kann hat man nicht entdeckt.
Sigmund Freud, der Begründer der Psychoanalyse
hatte erklärtermaßen mit Musik nichts am Hut
und bezeichnete sich in dieser Hinsicht als "fast genussunfähig"!
Die Alten waren in dieser Beziehung anders,
die Alten wussten es besser
und tragen eine Psychologie an uns heran,
in der das Singen und die Seele nah zusammenkommt.
So Paul Gerhardt in unserem Lied.
Du meine Seele, singe ...
Was Freud
zu Anfang des 20. Jahrhunderts
noch nicht geahnt hat,
wissen wir inzwischen sehr genau ...
Wie unser Seelenleben
und das Singen zusammenhängt.
In dem Moment,
in dem grandiosen Moment,
in dem das Ungeborene zu hören beginnt
und die Mutterleibsgeräusche wahrnimmt,
versteht es bereits Rhythmus und Musik
und hat eine Ahnung davon,
welcher Klang Wohlbefinden auslöst und welcher nicht.
Im übrigen ist die Welt im Mutterleib laut,
mit bis zu 85 Dezibel
entspricht sie mitunter städtischem Straßenlärm.
Aber davon weiß
das Ungeborene nocht nichts.
Aber es kann rudimentär
Wohlklang und Missklang unterscheiden.
Damit sind Klangerlebnisse
mit die ersten Erlebnisse die wir haben.
Man sieht noch nicht,
man schmeckt nocht nicht,
aber das Gehör und das Klangerleben ist schon ausgeprägt.
Da kann es nicht verwundern,
dass Musik uns in einer Tiefe erreicht,
in die wenig anderes ähnlich vordringen kann.
Untersucht ist das inzwischen alles.
Menschen, die regelmäßig musizieren,
sind nachweislich gesünder
im Vergleich zu Nicht-Musizierenden.
Körperlich gesünder, seelisch gesünder.
Und einer der medizinischen Belege
in einer Studie der Universität Frankfurt klingt so ...
Mitglieder eines Laien-Chors
wurden vor und nach einer Probe untersucht.
Nach dem Singen
war die Konzentration
von Immunglobulin A im Speichel gestiegen.
Dieser Eiweiß-Stoff ist dafür bekannt,
dass er vor allem Infektionen der Atemwege abwehrt.
Gleichzeitig hatten negative Gefühle
nachgelassenund positive Gefühle nahmen zu.
Klar ist,
dass Klangmuster das limbische System erregen,
den Sitz des menschlichen Gefühls.
Dabei ist das schöne Singen,
ist die schöne Musik das, was wesentlich ist.
Du meine Seele, singe, wohlauf und singe schön ...
Paul Gerhardt gibt einen Imperativ dazu.
Er ist kein Phänomenologe sondern ein Aufforderer.
Mach das, Seele,
mach das, Mensch, sing!
Ausrufezeichen ... !
Und dann setzt er das Singen zum Lobe Gottes ein.
Muss ja auch sein,
dass das zusammengehört,
die Urerfahrung des Klanges
und die Urerfahrung der Religion.
Ich bin geborgen, gehalten, geliebt.
Es gibt etwas, das weit hinausgeht über mich,
eine Kraft und Macht, die die ganze Schöpfung hält,
die mich Teil sein lässt
und mir zeigt, wie ich meine Tage gut gestalten kann.
Eingestimmt in den universalen Klang.
Als Teil einer mächtigen Schöpfungssinfonie,
die den Klang ferner Galaxien genauso umfasst
wie das Geräusch des Blutes in meinen Adern,
dem Rauschen der Bäume im Herbst
wie den Schlussakkord der Matthäuspassion.
Unser Singen und Blasen
wäre dann sozusagen
unser kleines Stimmchen
in dieser universalen Sinfonie.
Wohl dem, der einzig schauet
nach Jakobs Gott und Heil!
Paul Gerhard
schließt uns dabei
an die große Tradition Israels an,
wenn er uns an die Psalmlieder
der Hebräischen Bibel erinnert.
Du meine Seele, singe, ...
Das Lied ist dabei zu komponiert,
dass man nur ausatmen und Ja dazu sagen kann,
was hier an Gotteslob an uns herangetragen wird.
Aber das ist noch nicht alles ...
3. Strophe
Hier sind die starken Kräfte,
die unerschöpfte Macht;
das weisen die Geschäfte,
die seine Hand gemacht:
der Himmel und die Erde
mit ihrem ganzen Heer,
der Fisch unzähl'ge Herde
im großen wilden Meer.
4. Strophe
Hier sind die treuen Sinnen,
die niemand Unrecht tun,
all denen Gutes gönnen,
die in der Treu beruhn.
Gott hält sein Wort mit Freuden,
und was er spricht, geschicht;
und wer Gewalt muß leiden,
den schützt er im Gericht.
2
Paul Gerhardt spiegelt hier den 146. Psalm
Sein ganzes Lied tut es
und er greift viele Stichworte auf.
Ein großes Halleluja!
Ein großes Halleluja in schwerer Zeit.
1653 ...
Schlachten und Kriege ohne Ende,
ganz Europa ist davon überzogen.
Englisch-niederländischer Krieg,
schweizer Bauernkrieg,
der dreißigjährige Krieg gerade zu Ende gekommen.
Paul Gerhardt ist Pfarrer im Spreewald.
Gerade aus Berlin gekommen,
erlebt er dort das ganze Elend der Zeit.
Durch Pest, Pocken, Bakterienruhr und Hunger
war die Bevölkerung um die Hälfte reduziert.
Die Menschen
verzweifelt und geschlagen,
nichts mehr als Trost brauchen sie.
Paul Gerhard erinnert, erinnert und erinnert
mit den Psalmen und mit dem Neuen Testament,
dass Gott trotz allem
in allem da ist
und sein Zusage gilt,
trotz Not und Tod und Tränen,
dass er gerade denen nahe ist,
die das Schicksal besonders hart getroffen hat ...
Gott hält sein Wort mit Freuden,
und was er spricht, geschicht;
und wer Gewalt muß leiden,
den schützt er im Gericht.
Der Gott Paul Gerhardts
ist ein Gott der kleinen Leute,
ein Gott der kleinen Leute,
weil er eher die Hütten kennt als die Paläste.
„Armenfrömmigkeit“, hat Christian Bunner
in seinem Paul-Gerhardt-Buch geschrieben.
Die Fürstenkritik
hat man später
nicht selten aus seinen Liedern entfernt.
Manches davon
ist noch vorhanden,
anderes kennen wir nicht.
Aus unserem Lied,
aus „Du, meine Seele, singe“,
hat man unter anderem folgendes gestrichen ...
Verlasse sich ja keiner
auf Fürstenmacht und –gunst,
weil sie wie unsereiner
sind nichts als nur ein Dunst.
Das wollten die Herren
in ihren Hofkirchen nicht so gern gesungen haben.
Paul Gerhardt, ja schon,
aber bitte in einer nicht so radikalen Variante.
So ist Paul Gerhard
kein Theologe des Vertröstens,
vielmehr ein Theologe des Empörens und der Sozialkritik.
Auch die nächsten beiden Verse stehen dafür ...
Zwischenspiel
7. Strophe
Er ist der Fremden Hütte,
die Waisen nimmt er an,
erfüllt der Witwen Bitte,
wird selbst ihr Trost und Mann.
Die aber, die ihn hassen,
bezahlet er mit Grimm,
ihr Haus und wo sie saßen,
das wirft er um und um.
8. Strophe
Ach ich bin viel zu wenig,
zu rühmen seinen Ruhm;
der Herr allein ist König,
ich eine welke Blum.
Jedoch weil ich gehöre
gen Zion in sein Zelt,
ist's billig, daß ich mehre
sein Lob vor aller Welt.
3
Mit Paul Gerhard
sind in einer fremden Zeit zu Gast
und machen
als Menschen des 21. Jahrhunderst
eine Zeitreise um 400 Jahre zurück.
Wie Fulbert Steffenksy einmal gesagt hat:
Wir erlauben uns, Lieder zu singen
und Texte zu sprechen, die nicht die unseren sind.
Und doch rühren sie uns an,
weil universale Erfahrung in ihnen ist,
und zwar nicht als Museumserfahrung,
sondern als etwas, das unser Alltagsempfinden tief berührt.
Das Recht der Armen zu fordern,
ist gerade heute wichtiger denn je,
weil als Heutige
eine globale Perspektive haben,
die Paul Gerhardt so noch nicht kannte,
so noch nicht kennen konnte,
weil es alle die entwickelte Technik noch nicht gab.
Was für ihn die Waisen und Witwen im Dorf sind,
die wohnsitzlosen Fremden,
die nach dem langen Krieg
durch die Gegend streifen,
ist für uns das Elend der globalisierten Welt,
dass wir heute minütlich aktualisiert
in unsere Wohnzimmer bekommen.
Ohne Verpflichtungen
ging in der vergangenen Woche
der Milleniumsgipfel der Vereinten Nationen
in New York zu Ende.
Die Delegierten
aus fast allen der 192 Mitgliedsstaaten
nahmen ein Abschlusspapier zur Kenntnis,
dass die sogenannten Millenniumsziele
weiter als Ziel der Weltgemeinschaft nennt.
So sagte es die Tagesschau.
Von weltweiter Armutsbekämpfung
sind wir weiter entfernt denn je.
Gerade auch unser Land
mit seinen kleinen
0,35% Haushaltsbeitrag
zur Entwicklungszusammenarbeit.
Traurig ist das,
von seinem Herzeleid
würde Paul Gerhardt sprechen.
Gott sein Dank
sind seine Lieder tief,
Gott ist da alles andere als Gras und Ufer.
Paul Gerhard geht tief
mit dem Leben um und lehrt uns das.
Das Leiden zu sehen,
die verdrängte Armut und Heimatlosigkeit.
All das zu sehen
und wahrzunehmen.
Paul Gerhard
schließt sich an die Armenfrömmigkeit der Bibel an
und fordert uns auf seine eigene
poetische Weise auf, uns anzuschließen.
Und er lädt uns trotzdem zum Singen ein,
weil er durch die Tiefe seiner Glaubenserfahrung
weiß, ja wirklich weiß,
dass Gott die Seinen trotzdem in seinem Schoß behält.
Wir alle brauchen auf diese Hoffnung nicht verzichten.
Wir alle sollen auf diese Hoffnung nicht verzichten.
Ja besingen sollen wir sie sogar
und aus ihr leben,
weil sie die tiefste Wahrheit ist
und Ansporn und Wurzel allen Engagements
gegen die nach wie vor
existierenden Höllen auf dieser Welt.
Und der Friede Gottes,
der höher ist als alle Vernunft,
bewahre unsere Herzen und Sinne
in Christus Jesus, unserem Bruder und Herrn. Amen.
