Logo EPiD Startseite » Musikalisches » Fachartikel » Blasen gegen den Trend

Blasen gegen den Trend

Warum Posaunenchöre wichtig sind.

„Ein pneumatisches Druckmittel“ nannte mein Freund und Con-Student die Posaunenmusik bzw. den Bläserkreis der Heidelberger Studentengemeinde, halb anerkennend, halb abschätzig. Er konnte nicht ahnen, wie zutreffend ein solches Urteil im Blick auf den ersten Deutschen Posaunentag 2008 unter dem Motto „Ohrenblickmal“ sein würde. 19.000 Bläserinnen und Bläser aller Schattierungen im Leipziger Stadion machen zwar genau so wenig die Bedeutung der Posaunenmusik aus wie die berühmte Schwalbe den Sommer. Für die Einen wurden jene Tage zu einem Erlebnis, das ihnen auch nach zeitlicher Distanz einen Schauer auf den Rücken zaubert, für andere oder dieselben war es, theologisch etwas überhöht formuliert, ein eschatologischer Vorgeschmack. Jedes wohlwollend kritische Gemeindeglied weiß, dass Eindrücke von Kirchentagen nachhaltig sein können, aber dem durchschnittlichen und bisweilen tristen Gemeindeleben nur wenig erfrischenden Geist einhauchen können; Ideen ,ja, aber das ist zu wenig. Da haben wir es, um mit Luther zu reden, eher mit einer Mutter zu tun, die Runzeln hat,
die wir aber trotzdem lieben. Der Alltag in Posaunenchören ist ebenfalls ernüchternd und gibt doch Impulse – nicht nur in der damaligen DDR, wo Bläserinnen nicht selten der Kern der Gemeinde waren. Dass gegenwärtig in 6.500 Chören über 100.000 Kinder, Jugendliche, Frauen und Männer, auch Senioren mit beträchtlichem Alter (wie der Autor), wöchentlich proben, ist vielleicht für die bei Kirchens beliebte Statistik interessant, erhellend jedoch als Indikator für einen Trend, der gegenläufig ist, für ein Wachstum nach außen und innen. Selbst Musiker, die Singchöre leiten, beobachten den letztlich unerklärlichen Zusammenhalt in Bläserkreisen. „Wo man singt......“ gilt für beide Genres. Die Gemeinschaft und die Liebe zur Musik sind wie kommunizierende Röhren. Sie stimulieren sich gegenseitig wie gute Geschwister. Wer ein Blasinstrument im Kofferraum mitführt und in unbekanntem Terrain auspackt, findet im örtlichen Posaunenchor eine offene Tür und bald Freunde. Das hat, meist unausgesprochen, mit der gemeinsamen Basis zu tun – ein Phänomen, das aus dem Urlaub und der Zeit von Partnerschaften bekannt ist und für die Begegnung von Christen all überall gilt. Soweit es Bläserinnen und Bläser betrifft, so hat sich seit Herrnhut und der Erweckungsbewegung trotz Strukturwandel und Änderung der Frömmigkeitsformen am Grund nichts geändert. Die Regionen, in denen sie Platz griff, sind heute noch die Hochburgen der Posaunenmusik. 5.000 - 8.000 Bläser versammeln sich in jedem zweiten Jahr in Ulm oder Dresden. Als Johann Hinrich Volkening in Ostwestfalen jungen Männern, die zum christlichen Glauben fanden, riet, das Evangelium ins Land zu blasen, konnte er genauso wenig wie Eduard Kuhlo ahnen, was daraus werden würde. Johannes Kuhlo, der politisch naive, persönlich originelle und bläserisch gerade zu geniale “Posaunengeneral“ half dem Wunder kräftig nach.

Während zur Zeit in allen Landen die Zahlen erschreckend zurückgehen, Kirchen verkauft, Pfarrstellen abgebaut, Kirchenmusikerstellen drastisch gestrichen werden und die Resignation sich ausbreitet wie ein Virus, kommen in großer Treue,zum Teil auch in kleinen Kreisen, Bläserinnen und Bläser zusammen, Gesamttendenz steigend. Posaunenchöre sind in vielen Gemeinden die Jugendarbeit, ähnlich wie Gospelchöre. Nicht nur die Motivation wirkt sich als treibende Kraft aus, sondern auch die zunehmende Zahl der hauptamtlichen professionell geschulten weiblichen und männlichen Landesposaunenwarte. In diesem Zusammenhang gebührt den meisten Landeskirchen Dank für die Bereitstellung von Mitteln. Posaunenchöre sind weniger als die Kirchenmusik insgesamt einer verhängnisvollen Alternative zum Opfer gefallen, dem Entweder – Oder von Kirchenmusik oder Diakonie. So sehr die Alternative pauschalierend und damit undifferenziert klingt: Als Tendenz und in ihrer Bilanz ist sie so auffällig wie ökonomisch falsch. Theologisch und geistlich gesehen , ist sie ein Irrtum. Wenn von Resignation und Müdigkeit die Rede ist, so ist eine der Ursachen das fragwürdige Entweder –Oder. Pfarrer Rudolf Schmidt, seinerzeit Pfarrer in Meinerzhagen und nach dem Tod von Johannes Busch kommissarischer Bundeswart des CVJM, später Vizepräses der
westfälischen Kirche, sagte beim Bundesposaunentag Dortmund 1958: „Gott loben, ohne ihm zu dienen, ist eine elende Faulheit. Gott dienen, ohne ihn zu loben, eine schreckliche Belastung“. Das Problem ist komplex. Wenn das Lob Gottes, gebetet, gepredigt, bekennend ausgesprochen, aber auch gesungen, georgelt und geblasen, nicht mehr den Primat hat, wenigstens im Gottesdienst, wenn Aktivität mit Leben verwechselt wird, müssen wir uns über Halbherzigkeiten und Lustlosigkeit nicht wundern. Nahezu alle fühlen sich überfordert, auch die, die es nicht sind. Ein verstorbener rheinischer Oberkirchenrat hat vor Jahrzehnten kritisch vermerkt, daß der Imperativ den Indikativ ins 2. Glied drängt und vor der Gefahr für die Kirche gewarnt. Wir sind immer noch bei den Posaunenchören. Natürlich lässt sich das Lob Gottes leichter blasen als in der Gemeinde praktizieren. Doch wie sollen Menschen neue Freude an Glauben und Gemeinde gewinnen, wenn sie an allen Orten, und nicht zuletzt in Gemeinde- und Kirchenleitungen, angesichts schwindender Zahlen im Gottesdienst und im Geldbeutel mehr Klagen als Zuversicht
hören. Eine Kirche, die zu sehr mit sich, ihrer Zukunft und ihrem Image beschäftigt ist, hat in der Regel kaum mehr Kraft, sich den nach Orientierung sehnenden Menschen zuzuwenden, missionarisch und einladend zu wirken. Nachdem wir nicht mehr aus dem Vollen schöpfen können – ohnehin eher eine Karikatur als ein biblisches Bild von Gemeinde Jesu Christi – und es mehr der Basis überlassen bleibt, neue Phantasie zu entwickeln und Ungeahntes zu entdecken, kreisen wir mehr um uns selbst als um die auf helle und tröstende Töne in Sprache und Musik wartenden Menschen. Meines Erachtens ist es eine Schutzbehauptung, dass die Zeitgenossen keine „Mission“ wollen.
Die Mehrheit der Posaunenchöre steht, so weit ich es beurteilen kann, nach wie vor zu ihrem Auftrag, einzuladen, zu verkündigen und zu ermutigen. Dabei erleben sie oft genug eine Verkündigung, die sie eher mutlos macht als sie
zu stärken. Ein Posaunenchorleiter, hauptberuflich Hornist im Sinfonie-Orchester, der durch evangelische Kirchenmusik den Wert des Glaubens entdeckt hat, empfindet den Gottesdienst in der Regel als unzumutbar. Kein Einzelfall, wie kürzlich ein Solo-Trompeter, Professor an einer Universität, mit vielen anderen bestätigte. Extrem formuliert: Wie sollen Volkenings geistige Erben mit Trompeten und Posaunen zum Gottesdienst einladen, wenn die Prediger des Wortes kontraproduktiv wirken? Zugegeben: Das Schwarz-Weiß ist nicht ganz gerecht. Es gibt zahlreiche Hoffnungszeichen, nicht nur am weiten, sondern auch am nahen Horizont. Dazu gehört für mich die Posaunenbewegung, der ich in mehr als 60 Jahren Anregungen, Erkenntnisse, Freunde und nicht zuletzt Zuversicht verdanke. Ich spreche damit für eine blasende Mehrheit.

Der insgesamt zu beobachtende quantitative wie qualitative Aufwärtstrend in den Posaunenwerken hat eine Ursache darin, dass das musikalische Niveau deutlich gestiegen ist. Wandten sich Kirchenmusiker früher zum Teil mit Grausen ab, weil der „Lärm“ nicht mal schön war, so wundert man sich heute über die Literatur, die nicht nur geblasen, sondern erstaunlich gut musiziert wird. Eindrücke sollen das Bild anschaulicher machen. Posaunenchöre in der damaligen DDR waren für ungezählte Jugendliche Zufluchtsorte. Hier erlebten sie Herzlichkeit, Seelsorge und auch eine erfreuliche Aufgabe. Sie entdecken eine tragende Gemeinschaft. Die Geschichte und die Bedeutung der Posaunenchöre in den „neuen Bundesländern“ zur Zeit der Mauer muss noch geschrieben werden.

Nischen haftet leicht der Geruch des Individualismus an; Nischen in Posaunenchören, vor allem unter belastenden Umständen, haben einen anderen Charakter, wenn das Ziel „In die Welt – für die Welt“ (Motto der VEM) im Blick bleibt. In einigen Landeskirchen treffen sich regelmäßig monatlich blasende Senioren – ein beglückendes Erlebnis: anspruchsvolle Musik, eine theologisch fundierte Andacht und ein Kaffeetrinken mit Austausch gehören zum  Programm, ebenso die Fürbitte für Erkrankte oder das Blasen am Grab verstorbener Bläser. Das Blasen am Ostermorgen ist sowohl symptomatisch als auch ein Symbol: Evangelische Posaunenchöre gibt es nur, weil es Ostern gibt.

Die Zeitschrift „Der Posaunenchor“ stellt die Leserinnen und Leser in eine globale Bläser- Familie und regt zum Staunen über die geographische und phantasievolle Vielfalt an. Längst gehören Bläserinnen in großer Zahl zur Selbstverständlichkeit – wie spielende und siegende Frauen beim Fußball. Eine Originalität: Ein ostwestfälischer Posaunenchor hat vor wenigen Jahren eine Partnerschaft mit einem brandenburgischen in einem sozialen Brennpunkt begonnen. Während bei den meisten Partnerschaften das weitgehend berechtigte Fazit galt: Nun nicht mehr, war hier das Motto: Jetzt erst recht. Beide Seiten sind nehmende – wie vor dem Mauerfall.

Im Oberbergischen hat sich ein Freundeskreis zur Aufgabe gemacht, für ermordete russische Zwangsarbeiter Einzelgrabstätten anzulegen und zu pflegen. Ein Künstler schlug vor, eine Friedenskapelle zu bauen. Seit 1985 finden dort Andachten, ökumenische Gottesdienste, Lesungen, Vorträge und Konzerte statt. Bläserinnen und Bläser, die bisher nie zusammen musiziert und nur wenig Zeit für eine Probe hatten, spielten in überraschender Harmonie Sätze alter Meister ,Choräle und Madrigale. Es muss an der Aura des Ortes gelegen haben, dass alles „stimmte“ und Ausführende wie Hörende, Glück empfanden. Glück leitet sich von „Geluke“ ab.  Wenn mich nicht alles täuscht, war es die Geluke nach oben, die in der Geschichte und Gegenwart von Posaunenchören eine wesentliche Rolle gespielt hat, so dass diese Art von Musik aus Gemeinde und Kirche nicht mehr weg zu denken ist.

Dass nicht die Erweckungsbewegung die entscheidenden Anstöße gegeben hat, sondern die hebräische Bibel und der Glaube im Judentum, bedarf eigentlich keiner Erwähnung, ist aber für alle Beteiligten eine wichtige Erinnerung, die vor dem Vergessen des himmlischen Dirigenten bewahren kann.

Pf.i.R. Dr. Eberhard Röhrig

 
LOSUNG DES TAGES
Sonntag, 19. Mai 2013
 
Sie verwandelten die Herrlichkeit ihres Gottes in das Bild eines Ochsen, der Gras frisst.
 
Petrus sprach: Tut Buße und jeder von euch lasse sich taufen auf den Namen Jesu Christi zur Vergebung eurer Sünden, so werdet ihr empfangen die Gabe des Heiligen Geistes.

News

  •  
  • 13. Mai 2013
    Bilder vom Kirchentag 2013 mehr
  •  
  • 29. April 2013
    Der EPiD fährt zum Kirchentag mehr

Nächste Veranstaltung

  •  
  • 17. Mai 2013
    35. Brüderisches Bläserfest in Bad Boll mehr